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Alt werden = arm werden?

Methusalem-Komplott, Rente mit 67, 2030 - Aufstand der Alten im ZDF,... dem Anschein nach sind wir dazu verdammt im Rentenalter in Zelten zu hausen und betteln gehen zu müssen.

Der Demographieforscher Bosbach von der Fachhochschule Koblenz, widerspricht dem und behauptet gar "Wir könnten die Altern locker versorgen." Wie er dies belegt und warum letztlich nicht das Alter sondern die gerechte Verteilung ausschlaggebend ist, erfährst Du im nachfolgenden Interview.  

Das Interview wurde von Katharina Sperber von der Frankfurter Rundschau geführt und kann unter http://www.frankfurter-rundschau.de/top_news/?em_cnt=1053331 gedownloadet werden.

Frankfurter Rundschau: Das ZDF konfrontiert uns derzeit mit einem schreckliches Zukunftsbild. Wie wirkt das auf Sie?

Gerd Bosbach: Das ist komponiert nach dem Song: Spiel mir das Lied vom Tod.

Aber die Prognosen sagen doch: Wir sitzen in der Greisenfalle.

Das ist aber falsch. In den vergangenen hundert Jahren sind wir im Schnitt 30 Jahre älter geworden, aber die Gesellschaft nicht ärmer, sondern reicher. Bis 2050 sollen wir nach verschiedenen Schätzungen sechs bis neun Jahre älter werden. Und das soll jetzt plötzlich ein Problem sein?

Ist das alles also nur an den Haaren herbeigezogen?

Ja, weil diese Horrorszenarien das Alter willkürlich definieren. 1950 war ein 65-Jähriger schon ein Greis, heute sagt man das frühesten von einem 75-Jährigen. Das ist auch medizinisch belegt. Die Physis eines heute 60-Jährigen entspricht der Physis eines 50-Jährigen von vor 30 Jahren.

Ist es typisch deutsch, dass wir voller Panik in die Zukunft blicken?

In Deutschland gab und gibt es einen Hang zu Horrorszenarien. Angesteckt von der Demografie-Panik, gucken heute alle mit Schrecken 23 Jahre in die Zukunft. Ich habe einfach mal 23 Jahr zurückgeblickt. Und siehe da, da hatten wir große Angst vor dem Atomkrieg. Ein paar Jahre später war die totale Umweltverschmutzung der Schrecken, Mitte der 90er Jahre sollten wir uns vor dem Ansturm der Asylbewerber fürchten. Und jetzt sind es die vielen Alten, die uns den Wohlstand rauben werden.

Welchen Sinn hat das?

Horrorszenarien sind immer eindimensional. Sie machen uns vor, dass es stets nur einen Grund für eine Entwicklung gibt. Das ist Verdummung. Die Welt ist so vielfältig.

Nun haben die großen Panikattacken auch heilsame Effekt gehabt: Wir sind gegen Atomwaffen auf die Straße gegangen und trennen heute unseren Müll. Was müssen wir dieses Mal tun?

Die wirklichen Probleme offenlegen. Wir haben vier Millionen Arbeitslose. Ihre Beiträge fehlen in den Sozialversicherungskassen. Deswegen sind die Beiträge für die Erwerbstätigen relativ hoch. Die Gesellschaft könnte um so viel reicher sein, wenn die Arbeitslosen arbeiten würden. Dann könnten wir locker die Alten versorgen. Die Alten sind also nicht das Problem, sondern die hohe Arbeitslosigkeit.

Aber das ist nicht das einzige, was wir in den Griff kriegen müssen?

Die Politik und die Arbeitgeberverbände jammern, dass wir aus demografischen Gründen 2030 einen Facharbeitermangel haben werden. Das ist hirnrissig. Wir werden keinen Mangel aus demografischen Gründen haben, sondern weil die Unternehmen heute viel zu wenig ausbilden. Wir haben heute rund 800 000 Jugendliche, die um die 15 Jahre alt sind. Viele von ihnen bekommen keine Ausbildung. Nur die Hälfte von denen, die in Ausbildung sind, haben einen Ausbildungsplatz, die anderen stehen in der Warteschleife in irgendwelchen Schulungen. Diese jungen Leute sind 2030 etwa 40 Jahre alt. Bilden wir sie heute vernünftig aus, werden wir genug Fachkräfte haben.

Aber wir werden Gürtel enger schnallen müssen?

Wieso? Seit 1991 ist das Bruttoinlandsprodukt um 25 Prozent gestiegen. Wenn das Bruttoinlandsprodukt nur um ein Prozent in den nächsten Jahren wachsen würde, hätten wir 2030 wieder mehr als 25 Prozent Zuwachs. Das heißt, der Kuchen wird größer. Gleichzeitig wird die Zahl der Esser kleiner.

Aber nicht jeder bekommt ein gutes Stück ab.

Genau. Die Schere zwischen arm und reich hat sich in den vergangenen Jahren massiv geöffnet. Wir haben einen Reichtum, der aber sehr ungerecht verteilt wird. Die Reichen sollen doch ruhig ihren Anteil von den 25 Prozent Zuwachs haben - aber die Rentner und Arbeitslosen auch! In den vergangenen zehn Jahren sind jedoch die Einkommen der Arbeitnehmer im Schnitt gar nicht gewachsen. Die Rentner haben sogar real verloren. Es ist ein Problem der Verteilung, nicht des Bevölkerungswachstums.

Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, den 18. Januar 2007 um 14:22 Uhr